Wege zum Bioenergiedorf: Regionale Wertschöpfung und Klimaschutz dank Erneuerbarer Energien
24. Mar 2010 - Energie-Reporter.NET
Am vergangenen Wochenende lud die Akademie für Nachhaltige Entwicklung (ANE) Mecklenburg-Vorpommern (M-V) zu einer Veranstaltung mit dem Titel „Bioenergiedörfer in Mecklenburg-Vorpommern, Chancen für den ländlichen Raum durch Wertschöpfung und Teilhabe“ Bürgermeister und Gemeindevertreter, Mitarbeiter aus Verwaltungen sowie Landwirte aus Deutschland und europäischen Nachbarländern nach Waren am Müritzsee in M-V ein.
In Zusammenarbeit mit ihren Kooperationspartnern organisierte die Akademie eine zweitägige Veranstaltung im Überregionalen Ausbildungszentrum (ÜAZ). Die nachhaltige Nutzung erneuerbarer Energien in kleinen Städten und Dörfern in M-V, kurzum der Weg zum Bioenergiedorf, stand im Mittelpunkt der Veranstaltung. Schirmherr des Events war der Ministerpräsident des Landes M-V, Erwin Sellering. 190 Teilnehmer erhielten interessante Informationen zu den Chancen, die ländliche Gegenden dank erneuerbarer Energien haben und welche Energiequellen es überhaupt gibt. Sie erfuhren, welche Vorteile diese bringen und welche Hemmnisse es geben kann. Die Veranstaltung vermittelte Informationen über verschiedene Formen nachhaltiger Energieproduktion, mögliche Förderungs-, Finanzierungs- und Gesellschaftsmodelle, zeigte Praxisbeispiele auf und erläuterte Strategien für die Planung und Umsetzung. Anhand der Modellstadt Güssing in Österreich konnten die Teilnehmer sehen und erfahren, wie viel Potenzial im Konzept „Bioenergiedorf“ liegt.
Auch zwei Geschäftsführer der Firma reenergies Ltd. aus England nahmen an der Veranstaltung teil. Sie wollen das Konzept des Bioenergiedorfs nach
Großbritannien tragen, in die Gemeinden und in einer Kooperation mit der ANE auf dem englischen Markt etablieren.
Vorträge hochrangiger Redner
Die Veranstaltung am 19. und 20. März war gefüllt mit aufschlussreichen und abwechslungsreichen Vorträgen, die neue Erkenntnisse brachten und Diskussionen anregten. Es sprachen unter anderem Ulrich Buchta, Referatsleiter des Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus M-V, Dr. Jürgen Buchwald, Abteilungsleiter des Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz M-V, Siegfried Roloff, 1. Stellvertreter der Landrätin des Landkreises Müritz, Dr. Annelie Saß, Geschäftsführerin des ÜAZ, Dr. Andreas Schütte, Geschäftsführer der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe e.V., sowie der Visionär und Macher, Werner Rauscher, Geschäftsführer des Europäischen Zentrums für Erneuerbare Energien Güssing/Österreich. Er sprach zum Thema „Jeder kann es schaffen – auch die Kommunen M-Vs. Regionale Wertschöpfung, Klimaschutz und Teilhabe vor Ort – das Modell Güssing.“
Prof. Dr. Peter Heck und Thomas Anton, vom Institut für angewandtes Stoffstrommanagement, zeigten gemeinsam Wege zum Bioenergiedorf auf. Auch zahlreiche Bürgermeister sprachen, darunter der Bürgermeister von Waren, Günter Rhein. Die Bürgermeister von Treuenbrietzen und Zschadraß, Michael Knape und Matthias Schmiedel, zeigten mit dem Bioenergiedorf in Feldheim (Brandenburg) und der Energiespargemeinde Zschadraß zwei interessante Praxisbeispiele auf.
Workshops zum Thema Bioenergiedorf
Anschließend an die Vorträge konnten Interessierte an dem zweiteiligen Workshop teilnehmen. Unter dem Titel „Konzepte Bioenergiedörfer in Deutschland“ gab Prof. Dr. Peter Heck eine Übersicht über Konzepte von (Bio)Energiedörfern in Deutschland und im speziellen in M-V. Er informierte über Landnutzungsstrategien, Technologien und Formen der Energieversorgung, Finanzierungsformen sowie Vorteile und Hemmnisse des Konzepts Bioenergiedorf und gab Antworten auf die Fragen, wann ein Dorf ein Energiedorf ist und wie die Energie zu den Bürgern kommt. Der zweite Teil vermittelte unter dem Titel „Mehr Geld in den Kommunen durch Bioenergiedörfer?“ und der Leitung von Thomas Anton einen Überblick über Energieerzeugungsanlagen wie Biogas- und Photovoltaikanlagen, Geothermische Kraftwerke und Holzhackschnitzelheizanlagen. Anton zeichnete zudem auf, wie ein Musterdorf aussieht. Darüber hinaus wurden die zahlreichen Teilnehmer über das Management vor Ort informiert: Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit sowie Vernetzung.
Die Modellregion Güssing im Burgenland: Energieautark und wohlhabend
Die Gemeinde Güssing im Südosten Österreichs vereinigt alle derzeit praktisch nutzbaren alternativen Energien. Die Kleinstadt verzichtet seit 1990 auf fossile Energie. Hauptgründe hierfür waren die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Steigerung der Wertschöpfung der Region. Natürlich spielten auch Umweltziele, wie die Verringerung der CO2-Emmissionen eine wichtige Rolle. Dank innovativer Waldnutzung sind die Einwohner der Region Güssing in nur fünfzehn Jahren energieautark geworden. Die Kleinstadt im Burgenland zeigt der ganzen Welt, wie man unabhängig von fossilen Energieträgern und somit steigenden Preisen wird. Statt das Geld für fossile Energie von ausländischen Konzernen auszugeben, bleibt das Geld in der Region. Man nutzt statt Heizöl Holz und andere vorhandene Biomasse als Energielieferanten. Allein im Bezirk Güssing wachsen jährlich 100.000 Tonnen Holz nach, von denen lediglich ein Fünftel benötigt wird, um seine Bürger mit Strom und Wärme zu versorgen. Zusätzlich produziert Güssing Strom und Wärme mit Dampf, einer Biogasanlage, sowie lokalen Solaranlagen. 2009 erzeugten die Güssinger 98 Prozent des eigenen Wärmebedarfs und 150 Prozent an Strom selbst. Die Wertschöpfung bleibt in der Region und lockt neue Unternehmen in die ehemals ärmste Region Österreichs. So hatte die Umstellung die verlässliche lokale Energieproduktion den Nebeneffekt, dass sich beispielsweise die Parkettindustrie in Güssing niederließ. Über 1000 neue Arbeitsplätze wurden dadurch geschaffen.
Mittlerweile kommen Gemeindevertreter aus ganz Europa nach Güssing, um sich die Bioenergieregion anzuschauen, daraus zu lernen und die Informationen in ihre Regionen zu tragen. Wöchentlich kommen mehrere Hundert Ökotouristen in die Stadt und bedeuten für Güssing eine zusätzliche Einnahmequelle. Nach dem Vorbild Güssings sollen international nun „viele Güssings entstehen“.
Einvernehmlich festgestellt: Schaffung von Bioenergiedörfern ist machbar, egal wo
Die Teilnehmer der Veranstaltung waren sich alle einig: Das Ziel, Deutschlandweit (und Europaweit) immer mehr Bioenergiedörfer nach dem Beispiel der Stadt Güssing zu schaffen, ist ein durchaus erreichbares Ziel. Die Veranstaltung und die Workshops werden helfen, die wichtigen Informationen in die Bürgermeisterbüros der Städte und Gemeinden Deutschlands und Europas zu tragen. Im Sommer 2010 werden weitere Workshops der Akademie stattfinden.
Die Akademie für Nachhaltige Entwicklung M-V: Global denken – lokal handeln
Die Akademie mit Sitz in Güstrow hat das Bestreben, Akteure, Ideen und Projekte der Nachhaltigkeit zu vernetzen und damit Entwicklungsperspektiven für M-V aufzeichnen. Die Vernetzung soll Prozesscharakter haben und verstetigt werden, damit sich daran möglichst viele engagierte Bürger des Landes beteiligen können. Die Grundsätze der Akademie orientieren sich am Leitbild der „Nachhaltigen Entwicklung“, so wie es von der UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio de Janeiro 1992 beschrieben wurde. Die Wahrung von Entwicklungschancen für nachfolgende Generationen und die Balance ökologischer, ökonomischer, sozialer und kultureller Nutzungs- und Entwicklungsinteressen ist dabei von grundlegender Bedeutung. Die Akademie betont im Kontext des Mottos „Global denken – lokal handeln“ das Leitbild der nachhaltigen Regionalentwicklung.
Ziel der Akademie ist es, 50+ Städte und Gemeinden auf den Weg zu einer nachhaltigen Nutzung erneuerbarer Energien zu bringen und zu begleiten. Die nachhaltige Produktion und Nutzung birgt immense Potenziale und Chancen für Bürger, Kommunen und Unternehmen im Land. Die bereits geglückten Beispiele für nachhaltige Nutzung zeigen, dass unabhängige, regionale Energieproduktion, Energieeffizienz und Klimaschutz heute Standortfaktoren sind, die zunehmend attraktiv für Unternehmen und Menschen sind. Im Herbst 2010 soll ein Clusterantrag für möglichst viele kleine Städte und Dörfer in M-V gestellt werden. Hierfür wurden den Teilnehmern im Rahmen der Workshops Leitfäden mit Beschlussvorlagen und Handlungsempfehlungen übergeben.
Coaching Bioenergiedörfer
Auf der Veranstaltung sprach Bertold Meyer über das „Coaching Bioenergiedörfer“ eines der zentralen Projekte der Akademie für Nachhaltige Entwicklung M-V.
Durch Kontakte zu zahlreichen Initiativen anderer Länder und auf Bundesebene sollen zentrale Akteure mit ihren Ideen vernetzt werden. Im Rahmen des Coachings werden die Potenziale der jeweiligen Gemeinde analysiert und darauf aufbauend Konzepte entwickelt. Fördermöglichkeiten werden aufgezeigt und Gemeinden während der Umsetzung des Konzepts fachlich begleitet und unterstützt. Ziel ist die Stärkung der regionalen Wirtschaftskraft und Wertschöpfung, mehr Unabhängigkeit von globalen Energieströmen und -preisen und die Schaffung von mehr Energieversorgungssicherheit durch die stärkere Etablierung der Energieversorgung aus regenerativen Quellen. (ANE MV / reenergies.com / N. Staub)







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